Montag, 15. November 2010
Ist Geiz geil?
Ein Kommentator/in zitierte mit Post vom 24.10.2010 20:50 Uhr unter anderem diese Meinung zu dem Artikel: "Geiz ist geil" und "Made in Switzerland" passen nicht zusammen. Er/sie kritisiert damit die ausländischen Teilherstellungen bei orthopädischen Mass-Schuhen, die seiner Ansicht nach günstiger seien als die heimische Produktion. Das sei, soweit ich ihn/sie verstehe, schädlich für das schweizerische Handwerk. Ein etwas moralisierender Unterton ist nicht zu überhören.
"Schweizer Qualität“ wird als Synonym zu "hohe Qualität" wahrgenommen, was der Begriff schweizer Qualität auch immer bedeuten mag. Nicht zu verkennen ist, dass Schweizer Produkte und Dienstleistungen beliebt sind. Einige Branchen profitieren von dem «Image-spill-over» auf die eigenen Leistungen und begründen damit einen hohen Preis. Hoher Preis = hohe Qualität lautet die daraus folgende Kette einer Norm, die bei vielen Schweizern tief verankert ist und indenitätsstiftend wirkt.
Ich bezweifle nicht, dass viele schweizerische Hersteller hohe Qualität liefern und sich Mühe geben, Qualitätsnormen hochzuhalten. Der gute Ruf schweizerischer Exporterzeugnisse steht dafür. In hartem Kampf um Preis, Qualität und Innovation wurde die schweizerische Industrie im Welthandel wie im Binnenmarkt gestählt. Die Marke Schweiz konnte sich als Premium Brand etablieren und viele Firmen nutzen Swissnes als Qualitätszeichen.
Der gute Ruf der Marke Schweiz darf uns jedoch nicht vor selbstkritischer Reflexion abhalten. Das schweizerische System hat nicht immer recht gehabt. Ein gutes Beispiel war die teure und aufwändige Eigenproduktion eines Panzers der Schweizer Armee, der sich hinterher als Flop erwiesen hatte (Panzer 68). Solche Beispiele wiederholten sich in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte mehrmals. Hohe Qualität hat ein Produkt, weil es Qualitätskriterien erfüllt, nicht weil es schweizerisch ist. Man muss dem Denkmuster des protektionistischen Handelns auch entgegenhalten, dass Ineffizienz weder sozial noch patriotisch ist.
Das Problem ist letztendlich folgendes: Wir haben gar nicht genügend eigene Fachkräfte im Land, um unsere Aufgaben zu erfüllen. Wir rekrutieren schon seit Jahren ausländische Fachleute, weil wir nicht genügend oder nicht passende Mitarbeiter in der Schweiz finden. Unsere Leistungen sind schon daher nicht mehr rein "schweizerisch". Der Kampf der schweizerischen Branche gegen die Herstellungskooperation bei orthopädischen Mass-Schuhen ist schon deswegen nicht opportun. Und auch bei Teilherstellung ist der Schuh immer noch Made in Switzeland!
Bis bald
Patrick Winkler
Dienstag, 9. November 2010
Hochpreispolitik
Die Preise in der Schweiz sind im Verhältnis zur Europäischen Union um rund ein Drittel höher. Die Ursachen dafür wurden in einer Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco) im Jahr 2003 untersucht. In einem Vergleich der relativen Preisindizies Schweiz und EU-9 ergaben sich die grössten Preisdifferenzen bei Nahrungsmitteln, Mieten, medizinischen Produkten und Leistungen, Gastgewerbe, Haushaltsgeräten sowie Freizeit.
Als Ursachen für diese Unterschiede wird die Wettbewerbsintensität als wichtiger Erklärungsfaktor angeführt. 44% der Preisdifferenzen lassen sich über die geringere Wettbewerbsintensität im Vergleich zu den in der Studie gewählten EU-Ländern erklären. Wettbewerbshemmend wirken jede Art von Marktmacht (z.B. vertikale Vereinbarungen) und wettbewerbspolitische Regulierungen. Mitbestimmend sind hierbei auch die sozialpolitischen Wettbewerbseinschränkungen. Erstaunlich ist, dass die Lohnunterschiede nur gerade 11% und Standortfaktoren 17% der Preisdifferenz erklären können. Standortfaktoren umfassen insbesondere die topografischen Eigenschaften eines Landes oder die Kleinräumigkeit eines Marktes. Faktoren also, die in Ländern wie Norwegen, Schweden oder Dänemark auch vorkommen.
Die Analysen zeigten, dass sich in allen untersuchten Bereichen ein wesentlicher Teil der Preisdifferenzen mit der beschränkten Wettbewerbsintensität erklären lässt und dass dieser Anteil aus gesamtwirtschaftlicher Sicht relevant ist. Zwei Zielsetzungen haben die Autoren in den Vordergrund gestellt:
- eine stärkere Zusammenführung des schweizerischen mit dem europäischen Mark sowie
- eine Intensivierung des Wettbewerbs zwischen den Akteuren a.uf den einzelenen Märkten in der Schweiz
Bis bald
Patrick Winkler
Vimentis
Sonntag, 10. Oktober 2010
Ursache des Hallux valgus
Das muss aber nicht der einzige Grund sein. Andere Faktoren wie Beindegewebseigenschaft, Art und Intensität der Belastung und Belastungsdauer und genetische Faktoren spielen auch eine Rolle.
In der Sendung Puls des Schweizer Fernsehens DRS erklärt Dr.med. Espinosa von der Fusschirurgie der Balgristklinik in Zürich, dass ungünstige Schuhe ein Faktor zur Bildung des pathologischen Hallux valgus darstellen, dass aber ebenfalls eine erbliche Komponente als massgebliche Ursache ausgemacht werden kann. Hallux valgus kann auch Generationenübergreifend vorkommen was sich in etwa 90% der Fälle feststellen lässt.
Diese Meinung können wir aus unserer Praxis bestätigen. Es kommt manchmal vor, dass Patienten mit schmerzhaften Halluces valgi glaubhaft hinweisen, dass sie immer Schuhe mit flachem Absatz und breitem Vorderblatt getragen hätten. Auch sind das meistens Patienten mit einem normalen Körpergewicht und die ihre Füsse nicht unnatürlich belasten wie zum Beispiel Ballettänzerinnen. Eine Garantie zur Vermeidung von Hallux valgus Problemen gibt es also nicht.
Mehr dazu auch unter den Themen.
Bis bald
Patrick Winkler
Montag, 4. Oktober 2010
Messbare Qualität?
Gewisse Faktoren einer Schuhversorgung wie Druckwerte, Winkelstellungen oder Position einer Abrollfunktion lassen sich messen und in Zahlen ausdrücken. Die Herstellungsqualität lässt sich über gewisse Normen prüfen, wie der Qualitätsnorm für Hilfsmittel ISO 13485 oder Masseinheiten ISO 9407. Das sind sinnvolle Instrumente der Qualitätssicherung. Die Erfolgsqualität einer Versorgung eines Patienten mit orthopädischen Mass-Schuhen kann dabei aber nicht abgeleitet werden. Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz, rät uns in seinem neuen Buch "Sinnloser Wettbewerbe - Warum wir immer mehr Unsinn produzieren" damit aufzuhören, alles für messbar zu halten. Zitat: "Nach wie vor ist der Glaube an die Möglichkeit einer quantitativen Erfassung von qualitativen Leistungen weit verbreitet, obwohl sich ständig von neuem zeigt, dass dies nicht geht.“ Und weiter: „Man kann durchaus die Zahl der Dreifachsprünge bei einer Eiskunstlaufkür messen, aber diese Zahl ist nicht identisch mit ihrer Qualität“.
Nirgends kommt diese Wahrheit besser zum Vorschein als bei der Anpassung eines orthopädischen Mass-Schuhes. Wohl lassen sich bestimmte Funktionen messen und die Verfahren kontrollieren. Ob jedoch das Hilfsmittel letztendlich erfolgreich ist und vom Patienten getragen wird ist eine andere Frage. Was ist zum Beispiel, wenn die Schuhe einer Patientin nicht gefallen und sie lieber Beschwerden und Spätfolgen in Kauf nimmt? Gerade der ästhetische Anspruch an ein sichtbares und der Mode unterworfenes orthopädisches Hilfsmittel wie Schuhe, schlägt nicht selten auf Erfolg oder Misserfolg durch. Manchmal sind die kosmetischen Kompromisse sowie das Feeling des erfahrenen Handwerkers für ein mutiges Design mehr erfolgsentscheidend als ein stures Orientieren an der Funktion.
Abb. orthop. Mass-Schuhe und Unterschenkelorthesen einer MS-Patientin
Das soll keine Abkehr von Qualitätsnormen bedeuten. Diese brauchen wir, genauso wie wir Verfahrensnormen brauchen. Etwas Wettbewerb würde dem abgeschotteten Markt ebenfalls gut tun. Nur dürfen wir die Normen der Qualitätssicherung nicht mit der Qualität des Erfolges vergleichen.
Bis bald
Patrick Winkler
Mathias Binswanger: "Sinnlose Wettbewerbe - Warum wir immer mehr Unsinn produzieren"
Samstag, 25. September 2010
Fokussierung
Durch das fokussieren stellt man eine Tätigkeit in das Zentrum des Interesses, man konzentriert sich auf einen wesentlichen Teil. So machen wir das mit der Mass-Schuh Herstellung. Aus der Überzeugung, dass das Design eines Leistens* der entscheidende Punkt für ein gutes Resultat bei einer komplex orthopädischen Mass-Schuhversorgung ist, konzentrieren wir unsere Tätigkeit, Weiterbildung und Entwicklung gezielt in dieser Richtung. Mancher mag einwenden, dass es eintönig wird, sich nur auf ein Teilgebiet zu konzentrieren. Ich muss zugestehen, dass die übrigen Tätigkeiten der Handwerkskunst um den Mass-Schuh schöne und erfüllende Aufgaben sind: Das ausdetaillieren des Schaftmusters, das steppen der Schaftteile, das Aufzwicken des Schaftes auf die ausgeglaste Brandsohle und die ganze Bodenmontage und Finish. Ja, es waren schöne Zeiten, als wir das noch selber gemacht haben. Ich gehöre noch zu jener Generation, die das Rahmennähen von Hand gelernt haben, noch mit Pechdraht und Schweineborste!
Die Fokussierung auf den Patientenservice und das Design des Leistens wird aber von der medizinischen Anforderung an das Hilfsmittel Mass-Schuh bestimmt. Darin unterscheiden wir uns vom Mass-Schuhmacher, der einen anderen Schwerpunkt verfolgt. Durch die unendliche Tiefe und Vielfältigkeit der Problemstellungen bei Fussleiden kann es einem nie langweilig werden. Es gibt immer wieder neue Aspekte, die in unseren Wissensschatz einfliessen und unsere Resultate durch häufiges Anwenden verbessern. Das Positive ist, dass wir dadurch in der Lage sind, in kürzerer Zeit viel mehr Fälle zu bearbeiten wie das mögliche wäre, wenn wir jeden Herstellungsschritt selber bearbeiten würden. Dabei helfen uns auch Techniken wie 3D-Scan und CAD-CAM.
Die Fokussierung hilft uns, diese Aufgabe in ihrer Tiefe zu erfassen und die besten Lösungen für unsere Kunden zu erarbeiten.
Bis bald
Patrick Winkler
* Leisten: Siehe Post vom 21.04.2010 „Ästhetik“
Samstag, 18. September 2010
Ist CAD-CAM Technik unnütz?
Das Bundesamt für Sozialversicherung BSV sagt, das klappe bei orthopädischen Schuhen nur in einfachen Fällen. Das ist so zu verstehen, dass angeblich anspruchsvolle orthopädische Versorgungen damit nicht erfolgreich durchgeführt werden könnten. Ich muss daraus folgern, dass man die Technik im Bereich Leistendesign bei orthopädischen Mass-Schuhen als unnütz betrachtet.
Diese Meinung liegt nun in augenfälligem Widerspruch zu Aussagen ausgewiesener Fachleute. Im Fachmagazin OT 9/2009 schätzt Prof. R. Massen aus Stuttgart, dass die digitale Technologie im Bereich der Orthopädieschuhtechnik in einigen Jahren zu einer Selbstverständlichkeit werden wird. In einem Interview mit dem Verbandsorgan Fuss + Schuh 3/2009 bestätigt auch Prof. R. Brunner aus Basel, dass es seiner Ansicht möglich sei, bei orthopädietechnische Versorgungen digitale Technik einzusetzen. Das Fachmagazin Orthopädie-Schuhtechnik 7-8/2010 widmete das Leitthema den neuen Technologien und berichtet über verschiedene Lösungswege der digitalen Leistenherstellung.
Was sagt der gesunde Menschenverstand? Sehen wir uns einmal um, wo 3D-Scan und CAD-CAM Techniken in der Orthopädietechnik schon heute eingesetzt wird: Sitzschalen, Rumpforthesen, Kompressionsversorgungen, Prothesenschäfte, Einlagen und einiges mehr. Warum sollte es ausgerechnet bei orthopädischen Schuhen nicht klappen?
Der Einsatz von 3D-Scanner und CAD-CAM Technik ist nützlich bei der Herstellung orthopädischer Schuhe mit hohem Komplexitätsgrad, was nicht heisst, dass die analoge Arbeitsweise deswegen schlechte Resultate ergeben muss. Letztendlich muss auch bei digitalem Leistendesign am Ende ein Finish von Hand gemacht werden. Und überhaupt ist das Ergebnis entscheidend, nicht der Weg!
Bis bald
Patrick Winkler
Samstag, 4. September 2010
Mass-Schuhe überhaupt noch nötig? Teil 2
Orthopädische Mass-Schuhe werden dann eingesetzt, wenn man mit einfacheren Mitteln wie Einlagen oder Spezialschuhen nicht ausreichen Entlastung schaffen kann, oder wenn die Fussdeformation eine Normabweichung schafft, die das tragen konfektionierter semiorthopädischer Schuhe unmöglich macht. Massanfertigungen sind also eine Weiterführung einfacher Versorgungslösungen bei Fussleiden.
Eine weitere Frage ist, ob ein Mass-Schuhträger, wenn er sich an das Hilfsmittel einmal gewöhnt hat, nur noch diese tragen kann und nichts mehr anderes. Das trifft bei vielen Patienten zu. Jedoch tragen einige unserer Kunden ergänzend zu den Mass-Schuhen zu Hause semiorthopädische Hausschuhe, die mit Einlagen ausgerüstet und allenfalls zugerichtet sind. Das ist gewiss kein Widerspruch, da die Funktion offener Hausschuhe anderen Gesetzmässigkeiten folgt als geschlossene Schuhe für die Strasse oder das Gelände. Diese Kombination Haussschuh-Strassenschuh ist sinnvoll, kostensparend und wird genutzt.
Das Hilfsmittel orthopädischer Mass-Schuh ist nötig, so wie die Matratze auf einem Bettgestell nötig ist. Man könnte zur Not vielleicht ohne Matratze auf dem Bettrost schlafen, ein sinnvoller Verzicht ist es aber nicht. Und gesund ist es auch nicht.
Bis bald
Patrick Winkler
